Kulturbuchtipps

 In PROMOVIEREN HEISST SCHEITERN

„Promovieren heißt Scheitern — Damit Sie am Scheitern nicht scheitern“

Der Weg zur Promotion ist vergleichbar mit dem Besteigen einer langen, langen Treppe. Jede einzelne Stufe muss genommen, keine darf übersprungen werden. Um eine Stufe zu erklimmen, braucht man eine Planung, dann folgt die Durchführung, die darüber entscheidet, ob wir Erfolg haben oder scheitern. Wenn wir scheitern, müssen wir neu planen und es erneut versuchen.

Diese Abfolge von Planung — Ausführung — Erfolg oder Korrektur wird den Promovenden durch alle Phasen seiner Promotion begleiten. Das ist die Realität. Jedoch nur wenige Promovenden wollen es wahrhaben, dass es bei ihnen genauso ablaufen wird wie bei allen Anderen. Jeder hält sich für einzigartig und die eigene Promotion für die Ausnahme von der Regel.

Die Regel ist jedoch, dass viele Promovierende auf mehr oder weniger große Widerstände stoßen, wenn sie ihr großes Projekt beginnen. Wie könnte es auch anders sein?
Damit die schlimmsten Unfälle verhindert werden und die Motivation nicht schon zu Anfang eines Promotions-Vorhabens sich in Luft auflöst, haben die beiden Autoren dieses Buches, Atilla Vuran und Gunnar Seide, einen Ratgeber verfasst, der den/die Studierende/n auf seinem/ihrem Weg begleiten soll.

Atilla Vuran ist Mitbegründer und Leiter der Grundl Leadership Inhouse Akademie, hat in vielen Hochschulinstituten Doktoranden während der Promotion begleitet und kennt ihre Probleme aus erster Hand. — Gunnar Seide ist Professor für Polymer Engineering an der Maastricht University in den Niederlanden und hatte zuvor an der RWTH Aachen eine Forschungsgruppe mit mehr als 30 Promovierenden auf dem Weg zum Doktortitel begleitet. Beide Autoren kennen sich also bestens aus mit den möglichen Problemen und Hürden, die sich Promovierenden entgegenstellen können.
Was die beiden Autoren hier abliefern, ist wirklich sehr gelungen. Es wurde versucht, eine für alle Fächer (von den Natur- bis zu den Geisteswissenschaften) gültige Anleitung zu schreiben, ein Arbeitsbuch, das dem Doktoranden nicht nur seine Ängste nehmen, sondern ihn auch, entsprechend der Thematik, mit zahlreichen guten hinweisen zu versorgen.

Es ist ein Arbeitsbuch, dies sollte noch einmal betont werden, und das ist auch die einzig sinnvolle Form für einen solchen Ratgeber. Denn durch eine einfache Lektüre wird man bestenfalls eine Vorstellung von den drohenden Hindernissen bekommen und eine Ahnung von den Nöten der anderen Doktoranden. Doch erst, wenn man sich den Stoff erarbeitet, wird man ihn der nötigen Reflexion unterziehen und für sich selbst erarbeiten, was wann und zu welchem Zweck zu tun ist.
„Ein Konzept zur Selbstführung und Selbstverantwortung“ möchte dieser Ratgeber dem Leser geben; das klingt ein bisschen sehr nach der Sprache der Ökonomie und des Managements. Diese schnittige Pointierung mag der aktuellen Mode der Selbstoptimierung geschuldet sein, die den Anschein erweckt, dass wir alle zu perfekten Maschinen optimiert werden können, die nur dann erfolgreich sind, wenn sie perfekt funktionieren… Doch wenn man das Buch liest, merkt man schnell, dass es den Autoren ganz im Gegenteil darum geht, dass der promovierende ein entspannteres Verhältnis zu seinem Promotionsvorhaben bekommt.

Wir sind eben alles Andere als perfekt. Wir machen Fehler, und diese Fehler bringen uns weiter, wenn wir lernen, aus ihnen zu lernen. Irren ist menschlich, und Fehlermachen, also Scheitern, ist eine typische Eigenschaft eines jeden kreativ arbeitenden Menschen. Würden wir nicht scheitern, so wären wir perfekt, doch Perfektion ist langweilig.
Zugegeben, es klingt ein wenig nach „Es ist doch nicht so schlimm“ und „Es wird auch wieder mal besser laufen“, doch genau das ist doch der Punkt! Wir haben eben nicht an allen Tagen dieselbe Bestform zu bieten! Jeder Mensch unterliegt in seiner Performance ganz natürlichen Schwankungen. Wenn wir diese Tatsache akzeptieren, anstatt immer nur unerbittlich den Perfektionisten in uns zu nähren, dann sind wir schon ein gutes Stück weiter.

Gelassenheit ist eine Wesensart, die dem Doktoranden gutsteht. Leider ist sie selten von sich aus vorhanden, wir müssen sie ganz bewusst in unser Arbeitsleben einbinden, müssen die Muße zum Teil unseres Arbeitspensums machen, müssen die Gelassenheit an den Tag legen, um nicht schon beim kleinsten Scheitern an den Weltuntergang zu denken.
Wie wir produktiv mit dem Scheitern umgehen lernen, zeigt dieses Buch. Von A bis Z wird der promovierende auf seinem Weg zum eigenen Doktortitel begleitet: von der grundsätzlichen Frage nach dem Wofür und Wie der Promotion über eine Analyse des eigenen Selbstwertgefühls, der eigenen Wahrnehmung, der Ängste und Krisen und wie man damit umgeht, über Fragen nach den eigenen Vorbildern und der eigenen Arbeitsweise, zu Fragen nach den eigenen Stärken und Schwächen, der Frage, wie man verhandelt und Lösungen erarbeitet, wenn Probleme auftreten, bis hin zum Verhältnis zum eigenen Doktorvater und zum Umgang mit dessen Führungsstil.

„Promovieren heißt Scheitern“ ist wunderbar leicht geschrieben und wird jeden Doktoranden von der ersten Seite an ansprechen. Es ist ein Arbeits- und Praxisbuch, das von zwei Autoren aus der Praxis geschrieben wurde, die jede Menge Erfahrungen und praktische Hilfen in die Arbeit an diesem Text eingebracht haben.
Die Lektüre macht Spaß, ja, mehr noch: sie macht Lust auf die eigene Promotion! Dieses Buch wird vielen Studenten die Angst nehmen und ihnen Mut machen, nach dem Master den nächsten Schritt zu gehen und sich nach einem Doktorvater für die eigene Promotion umzusehen. Denn wer sich promovieren lässt, wird automatisch auch mit Widerständen zu kämpfen haben, aber diese Widerstände sind dazu da, überwunden zu werden. Promovieren heißt eben auch Scheitern, aber davon geht die Welt nicht unter, im Gegenteil: Scheitern macht stark!

Geschrieben von: Atilla Vuran und Gunnar Seide
Veröffentlicht am 29. August 2017 von kulturbuchtipps.de

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